Was ich ständig höre: „Ich bin mit Chirurgenstahl gestochen, das wird doch auch in Operationen verwendet, das muss also top Qualität sein."
Nö. Lass uns das mal auseinandernehmen.
„Chirurgenstahl" heißt eigentlich gar nichts
Chirurgenstahl ist ein Sammelbegriff für so ziemlich jeden rostfreien Stahl, der unter anderem auch im medizinischen Bereich verwendet wird. Es gibt dafür keinen Standard, keine genaue Definition. Derselbe Begriff klebt auf Wasserhähnen, Café-Tischen, Küchenutensilien, Türklinken, Autoteilen. Alles, was rostfrei ist, zählt im Grunde schon dazu.

Weil es keinen echten Standard gibt, können Hersteller nehmen, welche Legierung sie wollen. In der Piercing-Branche nennen wir das „Mystery Metal" – weil eigentlich niemand genau weiß, was drinsteckt.
Die billigste und häufigste Legierung dabei ist Nickel. Ein riesiger Teil der Menschen reagiert irgendwie auf Nickel oder ist sogar allergisch dagegen, was eine Heilung richtig unangenehm machen kann. Dazu kommt: Schmuck aus Chirurgenstahl wird selten sauber poliert – oft hat er winzige Kratzer, in denen sich Bakterien festsetzen und die ein heilendes Piercing reizen. Er ist außerdem günstig im Einkauf, was für Piercerinnen, die ihn verwenden, eine schöne Marge bedeutet.
Was wir wirklich verwenden: Implantatstahl-Titan (ASTM F-136 ELI)
Bei LPR Piercing verwenden wir ausschließlich Titan in Implantatqualität und massives Gold – für frische wie für verheilte Piercings. Gold kann kein „Implantatqualität"-Zertifikat tragen wie Titan, weil Gold mit der Zeit anläuft und nicht für chirurgische Implantate verwendet wird. Richtig verarbeitetes massives Gold ist trotzdem eine ausgezeichnete und sichere Wahl für Piercings.
Hier, was ASTM F-136 ELI wirklich bedeutet:
ASTM = American Standard Test Method
F = Metalle, die für medizinische Anwendungen zugelassen sind
ELI = Extra Low Interstitial, eine höhere Güteklasse für langfristige Implantate wie Knie- oder Hüftprothesen
Wenn also auf deinem Titan-Schmuck ASTM F-136 ELI steht, ist das keine Marketing-Floskel. Es ist derselbe Standard, der für Implantate gilt, die jahrzehntelang in deinem Körper bleiben.

Fotocredit „Amato Fine Jewelry and Body Piercing". Links siehst du Implantatstahl-Titan, rechts Chirurgenstahl. Hier siehst du auch den Unterschied zwischen innen- und außenverschraubtem Schmuck – dazu schreibe ich in einem anderen Blogartikel mehr.
Warum das Zertifikat wirklich wichtig ist
Hersteller, die nach ASTM-Standard arbeiten, müssen ein Werkszeugnis (Mill Certificate) vorlegen – ein Dokument, das die genaue chemische Zusammensetzung des Metalls zeigt, geprüft und bestätigt von ASTM selbst, bis ins kleinste Detail. Manche europäischen Lieferanten versuchen, das zu fälschen, aber die seriösen Hersteller und ihre Zertifikate sind bekannt und nachverfolgbar.
Das ist der Teil, der mich nervt: 2009 hat die EU eine Regelung erlassen, die eine bestimmte Menge Nickel in Schmuck erlaubt – obwohl wir wissen, dass Nickel Reaktionen auslöst. Warum passiert sowas? Aus demselben Grund, warum Zigaretten immer noch legal sind. Bekanntes Risiko, trotzdem erlaubt.
Es gibt außerdem einen ASTM-F-138-Standard für Implantatstahl, der genauso streng getestet wird, um zu garantieren, dass kein Nickel in die Legierung gelangt. Soweit ich weiß, ist Anatometal aktuell die einzige Marke, die Schmuck nach diesem Standard mit nachverfolgbaren Dokumenten zertifizieren lässt – falls inzwischen eine andere Marke nachgezogen ist, lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.
Warum kostet das mehr?
Zertifizierter ASTM-Schmuck wird größtenteils in den USA hergestellt, bei jedem Schritt getestet und geprüft, und dann mit Einfuhrsteuern und Zollkosten obendrauf nach Europa verschifft. Das treibt den Preis hoch und manchmal auch die Wartezeit. Europäische Hersteller ziehen langsam nach und fangen an, das ernst zu nehmen, aber es dauert noch, bis das hier zum Standard wird.
Mittlerweile haben mehr US-Lieferanten europäische Vertriebspartner, wodurch der Schmuck schneller bei uns ankommt – der Preis bleibt aber, wo er ist, weil die Tests und das Material selbst kosten, was sie kosten.
Für mich zählen deine Sicherheit und eine saubere, unkomplizierte Heilung mehr als ein Preiskampf. Deshalb kostet unser Schmuck etwas mehr als das, was du woanders findest. Und genau deshalb ist es das wert.
